Warum besteht ein Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier?

Innerhalb des Fragehorizontes dieser Arbeit kann gefragtwerden, ob der Begriff des Menschen mit dem Begriff der menschlichen Person bedeutungskongruent ist oder nicht. Diese Frage fällt unter die größere Frage, nämlich der nach dem Verhältnis von Person- undMenschenbegriff bzw. von Personsein undMenschsein. Bevor auf diese Frage eingegangenwerden kann, ist es mitMax Scheler relevant, auf eine leicht zu übersehende Äquivokation des TerminusMensch hinzuweisen. 120 Mit dem Wort Mensch kann gemeint sein: 1. gemäß dem alltäglichen Sprachgebrauch, der „Wesensbegriff desMenschen“. 2. gemäß der biologischen Taxonomie der „natursystematische Begriff“ des Menschen (Abb. unten). Es ist somit auch innerhalb der formalen Differenzierung der möglichen verschiedenen Personbegriffen wichtig, zwischen diesen beiden Grundbedeutungen des TerminusMensch zu unterscheiden.


Der Terminus „Mensch“ ist äquivok


Das Sein der menschlichen Person unterscheidet sich wesentlich, so kann postuliert und auch erkannt werden, von allem apersonalen Sein dadurch, dass es ein geistiges Lebensprinzip bzw. eine geistige Wesensform besitzt.

Das Lebensprinzip oder diese Wesensform kann als der ontologisch zureichende Grund für die Einheit und Identität des jeweiligen Lebewesens begriffen werden. Warum ist das so? Die Wesensform oder das Lebensprinzip kann als die einheits- und substanzstiftende Form des lebendigen Seienden, das sie besitzt, verstanden werden. Unter Form wird hier das nicht-materielle Ordnungs- bzw. Strukturprinzip verstanden, das der ontologisch zureichende Grund für das reale Sosein eines Seienden ist. Das Ordnungs- bzw. Strukturprinzip strukturiert den Wesensstoff. Die Einheit von Wesensstoff und Wesensform konstituiert das substantielle Seiende. Diese Sachverhalte gelten auch für den Menschen bzw. für das menschliche Personsein. Denn dafür, dass Etwas existiert (Dasein) und auch dafür, dass es so existiert, wie es existiert (Sosein), bedarf es eines ontologisch zureichenden Grundes. Sehr bedeutungsähnlich zum Begriff der Form kann der Begriff der Natur oder des realen Wesens resp. Soseins sein. Richtig verstanden sind somit diese Worte synonym, da durch sie derselbe Begriff gemeint werden kann.Gemäß der durch Aristoteles entwickelten bzw. entdeckten Lehre, des sog. Hylemorphismus bestehen die selbständigen kontingenten Seienden nicht nur aus Form (μορφή), sondern als eine Einheit von Form und Materie (εἶδος).

Zitate zum Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier

Spaemann begründet u. a. auf folgende Weise, warum sich das personale Sein vom animalischen oder vegetativen Sein unterscheidet:

„Wann ist jemand Person? Hier kommen wir in grammatische Turbulenz. Wenn jemand jemand ist, dann heißt das: er ist Person. Wenn etwas jemand ist, ist es Person – das kann man schon nicht sagen, denn jemand ist nicht etwas, das irgendwann beginnt, jemand zu sein.Wer jemand ist,war es immer. […] Das heißt, jemand ist einWesen, das einer Art angehört, deren normale erwachsene Mitglieder diejenigen Eigenschaften haben, aufgrund deren wir Menschen als Personen anerkennen. Das heißt Person ist derMensch aufgrund seiner Artzugehörigkeit. Peter Singer nennt das Speziesismus. Ich habe nichts gegen Speziesismus. Allerdings ist die menschliche Artzugehörigkeit etwas anderes als die Artzugehörigkeit jedes anderenWesens. Es ist nicht einfach eine parataktische Ähnlichkeit. Einzelne Menschen sind nicht tokens, Exemplare einer Klasse, sondern sie sindWesen, die in einer Verwandtschaftsbeziehung stehen. Die Verwandschaftsbeziehung ist beim Menschen eine dialogische Beziehung und das heißt: eine personale Beziehung. Es handelt sich nicht um ein rein Biologisches – das gibt es nämlich beim Menschen allenfalls bei unbewussten Reaktionen und Funktionen rein somatischer Art. Die wesentlichen Vollzüge der menschlichen Selbst- und Arterhaltung sind immer zugleich personal. So das menschliche Essen. Wir sagen, daß Tiere fressen und dasMenschen essen. […] Der menschliche Beischlaf ist nicht einfach tierische Begattung, sondern ist wiederum ein personaler Akt. Die Zeugung eines Wesens ist etwas Personales.Darum ist das Zeugen von Embryonen zum Zwecke ihres anschließenden Verbrauchs eine Perversität. […] DerMensch wird nie zum Tier. Die menschliche Natur ist darauf angelegt, in personalerWeise realisiert zu werden. […] Der debile ist krank. Er ist kein Tier. […] Das Argument, es müssten zur Zeugung noch Faktoren hinzukommen, bis von einem Menschen die Rede sein könne, ist neuerdings mehrfach vorgebracht worden, dieses Argument gilt auch für bereits geborene Kinder. Damit der Mensch ein ‘vernünftiges Wesen’ wird, muß er z. B. sprechen lernen. Werden wir deshalb sagen, ein Mensch, der noch nicht sprechen gelernt hat, ist keine Person, weil dieser Faktor fehlt? Wir können die Gegenprobe machen. Stellen wir uns vor, von einemMenschenpaar würde ein Kind geboren, das vollkommen debil wäre, sprachunfähig, aber lebenstüchtig. Bereits nach den ersten Monaten stellt es sich auf die Beine und bringt sich selber in derWelt durch. Dann dürfen wir wohl sagen: das ist keinMensch, sondern eine neue Art von Tier. Aber genau das gibt es nicht. Was es gibt sind menschliche Wesen, die nicht über volle personale Eigenschaften verfügen. Sie sind nicht etwas anderes als Personen, sondern sie sind entweder krank oder sie sind noch nicht so weit. […] Es gibt keine ‘potentielle Personen’.“ (Spaemann, 2003, S. 47-49) Hervorhebungen von R.B.


Tags

  1. #Mensch
  2. #Tier
  3. #Zitat.Spaemann

Backlinks